erschienen am 21.01.2014 - Freie Presse - Sachsens größte Tageszeitung

Tränen sind sein Geschäft

 

Ben Pfeifer aus Jahnsbach freut sich, wenn seine Kunden weinen. Er ist Hochzeits- und Porträtfotograf. Kürzlich wurde er ausgezeichnet.

Seine Regel: Kitsch ist verboten.

 

Annaberg-Buchholz/Jahnsbach. Wenn die Leute anfangen zu weinen, dann hat Ben Pfeifer alles richtig gemacht. Und die ein oder andere Träne wird durchaus vergossen in seinem Laden auf der Wolkensteiner Straße in Annaberg, sagt der Fotograf. Immer wieder sei es schön zu sehen, so der 28-Jährige, wenn Paare nach der Hochzeit kämen, um ihre Fotoalben abzuholen - und dann vom Ergebnis derart gerührt seien. Klar, Bilder sind ja oft irgendwie Geschmackssache. Doch abseits von Tränen der Rührung gibt durchaus Qualitätskriterien, die einen guten von einem vielleicht nicht ganz so guten Fotografen unterscheiden. Geht es nach dem Bund professioneller Porträtfotografen (bpp), ist Ben Pfeifer ein ziemlich guter Fotograf: Die Berufsinitiative hat dem gebürtigen Jahnsbacher als einzigem Fotografen im Altkreis Annaberg ein aktuelles Qualitätszertifikat mit Stern verliehen - sozusagen eine Art Ritterschlag in seinem Beruf.

Das Studio, das Pfeifer mit seiner Freundin betreibt, ist klein, aber zweckmäßig. Es enthält alles, was man als Fotograf so braucht. Was aber fehlt, sind diese bunt gemusterten, das Flair der 1990er versprühenden Hintergründe. Sie fehlen mit Absicht. Und Ben Pfeifer hat sich weitere Regeln auferlegt: kein Kitsch, keine nachkolorierten Blumensträuße, keine überladenen Bilder. Was er mit einem Augenzwinkern sagt, hat für ihn eine ernsthafte Bedeutung: "Ein gutes Foto braucht keinen Schnickschnack." Pfeifers Stil: dezente Farben, gerne schräger Horizont, dramatischer Himmel.

Um die 40 Hochzeiten fotografiert er pro Jahr, die meisten zwischen April und Oktober. Für dieses Jahr seien schon zwei Drittel der Termine weg. Ab Oktober brummt dann das Weihnachtsgeschäft. "Es kommen Familien, Freundinnen, Pärchen", sagt Pfeifer. Hochzeiten und Porträts, das sind die Säulen des Zwei-Mann-Betriebs, der noch eine Praktikantin beschäftigt. Aber man hat auch schon Brautmoden auf den Malediven auf Bilder gebannt oder eine regionale Kampagne für eine Parfümeriekette fotografiert. Mund-zu-Mund-Propaganda sorgt dafür, dass der Terminkalender gut gefüllt ist. Die Kunden kommen aus der Region, Chemnitz, dem Vogtland, aber auch von weit her. So sei er von Leuten aus München oder der Schweiz gebucht worden. Pfeifer: "Das ist eine Bestätigung, denn dort gibt es schließlich auch Fotografen." Ferner spielen Hausmessen eine Rolle, um Kunden zu gewinnen.

Dass heute fast jeder zu Hause eine Spiegelreflexkamera hat, tue dem Geschäft keinen Abbruch. "Qualität setzt sich durch", sagt der ausgebildete Fotograf selbstbewusst. Eine Hochzeit lebe von Momenten: "Da hat man nicht zehn Schüsse frei, das erste Foto muss sitzen." Und Qualität kostet: Mit einem vierstelligen Betrag muss man schon rechnen für eine Hochzeit. "Wenn ich die Kirche nicht kenne, fahre ich eine Woche vorher hin und schaue mir die Lichtverhältnisse an", beschreibt Pfeifer. Nach dem Shooting steckt er nach seinen Worten 40 bis 80 Stunden in die Nachbearbeitung der Bilder. 1000 Stück entstehen bei einer einzigen Hochzeit, nur die besten 120 davon bekommt das Paar zu sehen.

Der Kamera-Billig-Boom der letzten Jahre ist für ihn aber auch spürbar. "Oft kommen Leute nach Hochzeiten mit CDs an, voller unterbelichteter, verschwommener Bilder. Und mit der Frage, ob man da was retten kann." Doch meist gehe das selbst mit den Mitteln moderner Bildbearbeitung nicht - selbst die kann nichts daran ändern, wenn etwa der Schärfepunkt auf der Nase liegt statt auf den Augen.

Einen Trend will der Jahnsbacher ausgemacht haben: das After-Wedding-Shooting. Dabei schmeißen sich Braut und Bräutigam nach der Hochzeit für Fotos noch einmal in Schale. Die Vorteile dabei: mehr Zeit als am Tag der Heirat, größere Auswahl bei den Orten. Bei einem Shooting, erzählt Ben Pfeifer, wollte die Braut ihren Kindheitstraum verwirklichen. Auf dem Foto, das dabei entstand, ist sie im Brautkleid zu sehen, auf einer Schaukel im Wald. Gut möglich, dass beim Abholen des Albums eine Träne geflossen ist.

 

Sterne werden nach klaren Kriterien vergeben

Dem Bund professioneller Porträtfotografen (bpp) gehören 650 Fotografen und Fotostudios aus Deutschland und dem benachbarten Ausland an. Er ist nach eigenen Angaben einer der größten Berufsverbände in der Porträt- und Hochzeitsfotografie.

 

Nicht jeder von ihnen bekommt automatisch ein geschütztes Qualitätszertifikat mit Stern. Um dieses für die Dauer von zwei Jahren zu erhalten, muss eine Bewertung nach acht Kriterien durchgeführt werden.

In Kategorien wie Webseite, Qualität der Fotografie oder persönlicher Stil werden durch Fachleute Punkte vergeben. Eine Mindestpunktzahl ist erforderlich, um einen Stern zu erhalten - maximal sind drei möglich.

 

Bislang haben laut Marita Gottstein vom bpp verbandsweit 138 Fotografen oder Fotostudios einen Stern in ihrem Zertifikat gehabt, 61 zwei Sterne und nur 19 sogar drei.

Wie viele Fotografen, die von ihrem Beruf leben, es in Deutschland insgesamt gibt, darüber gibt es keine einheitlichen Zahlen. Auch das statistische Bundesamt fasst unter Fotografen mehrere Berufsgruppen zusammen. Schätzungen zufolge bewegt sich ihre Zahl zwischen 5.000 und 15.000. (urm)